28.02.2009

125 Jahre Vereinigte Kleinbasler

Beitrag für Fasnachtsbeilage der Basler Zeitung

Es sind die Stammcliquen, welche die Tradition der Basler Fasnacht in ihrer heutigen Form begründet und bis in die Gegenwart hinein lebendig gehalten haben. Ihr Generationenmix mit Binggiszügli, Junger Garde, Stammverein und Altgardisten in Verbindung mit der sozialen Durchmischung von Pharma-Laboranten, Regierungsräten und Bankangestellten (mit noch sieben Ausnahmen sind Frauen immer mitgemeint) überziehen die Region mit einem Netz, das es in keiner andern Gegend der Schweiz gibt. Das älteste Beispiel für dieses Erfolgsmodell sind die Vereinigten Kleinbasler, besser bekannt als «Vau-Ka-Be», die heuer das Jubiläum ihres 125-jährigen Bestehens feiern (resp. feiert; im fasnächtlichen Sprachgebrauch ist «d'VKB» ein Singular).

Preisgekrönter Start. Als der Fasnachtscomité-Vorgänger «Quodlibet» 1884 mit der Prämierung «geschmackvoller» Züge begann, spannten der Gewerbeverein und die Tambourengruppe Kleinbasel zusammen. Mit Vorreitern, Laterne, Pfeifern, Tambourmajor, Tambouren und fünf Wagen defilierten die unmaskierten, dafür uniformierten Frühfasnächtler als «Vereinigte Kleinbasler» vor der Jury. Die Zweckgemeinschaft hielt auch im darauffolgenden Jahr und bildete den Grundstein einer langen und an Brüchen armen Cliquengeschichte. Der erste trat am Morgenstreich 1908 ein, als unzufriedene Mitglieder die Fasnachtsgesellschaft «Olympia» und damit die spätere «ewige» Stadtteil-Rivalin der VKB gründeten.

Premium Brand. Über Jahrzehnte bestimmten die Vereinigten Kleinbasler als «Premium Brand» das Gesicht der Basler Cliquenfasnacht mit. Künstler wie Carl Roschet, Paul Rudin, Max Sulzbachner und Hans Weidmann gestalteten Aufsehen erregende Züge und Laternen. Spitzentambouren wie Emil Lauener («Gorilla») und Peter Stalder («dr Ruesser») bereicherten das Standardrepertoire um Tambourenmärsche oder -texte wie Männi Bender («Sambre et Meuse») und Alfons Grieder («Altfrangg», «Calvados»). «Fongs» war es auch, der in den 1970er-Jahren mit Peter Marrer und Bruno Graf als Trio «Rolling Sticks» die erste artistische Trommelshow auf die Bühne brachte. Mit Fritz Grieder bereicherte ein VKB-Pfeifer die Fasnachtsmusikliteratur um Klassiker wie «Gluggsi», «Dudelsagg» und «Die Neye Glaibasler».

Familienclique. Die VKB gehörte zu den ersten Cliquen, welche die Notwendigkeit der Nachwuchsförderung erkannten und in ihrem Stammlokal, dem Restaurant «Zum Alten Warteck», eine  «Trommel- und Pfeifferschule» ins Leben riefen. 1934, aufs Jahr genau ein halbes Hundert nach der eigenen Gründung, gingen die ersten ausgebildeten Jungfasnächtler mit dem Sujet «Der Ziiri-Panther» als Buebeziigli auf die Route. Fünf Jahre später kam es zur Gründung der Alten Garde, und das nicht nur, weil das Spiel auf total über 60 Tambouren und Pfeifer angewachsen war. Die VKB-Cliquen-Chronik von 1984 führt als weiteres Motiv an, «dass verschiedene Väter nicht in der gleichen Gruppe wie ihre Söhne an der Fasnacht teilnehmen wollten». Das ist ein Hinweis darauf, dass die Mitgliedschaft in der damaligen Männerclique Familiensache war und der VKB-Virus von Generation zu Generation weitergegeben wurde. «Typische» VKB-Namen wie Bossert, Stalder, Stebler und Zeier tauchen denn auch in Abschnitten der Cliquengeschichte immer wieder auf.

Reisefieber. Selbstgenügsame Familienfasnacht war aber nie Sache der VKB. Immer wieder überschritten die Kleinbasler die Grenzen ihres Reviers, um der Welt die Attraktivität fasnächtlichen Brauchtums zu demonstrieren und Freundschaften mit Gleichgesinnten zu pflegen. Bereits 1923 taucht der erste Bericht über den Strassburg-Ausflug einer 60 Mann starken Gruppe im «Wallensteiner»-Kostüm in den Annalen auf, und fortan verging kaum ein Jahr, ohne dass die VKB einen der zahllosen «Pfyfferdays» zwischen Guebwiller und Ribeauvillé beschickt hätte. Innerhalb des Ausgangs-Rayons Schweiz gelten die VKB-Delegationen in die «Clique Elite» der «Fêtes de Vignerons» in Vevey 1927, 1955, 1977 und 1999 («Les 25 de Bâle») als einsame, von zahlreichen Legenden umrankte Höhepunkte. Mit vier Abstechern in die USA weiteten die «Very Kind Boys» in den Jahren 1973, 1976, 1980 und 1997 das Reiseprogramm auf interkontinentale Dimensionen aus. Die zweimalige Teilnahme am «Deep River Muster» in Connecticut führte zu einer langjährigen Freundschaft mit den «Ancient Mariners» und einigen Revanche-Besuchen in Basel, die in frühen «Basel Tattoo»-Vorläufern wie der «American Fife and Drum Show» in der Mustermesse anno 1970 oder dem «Basler Joggeli-Tattoo» im St. Jakob-Stadion im Juni 1978 gipfelten.

100 Jahre für die Stadt. Auf diese Weise setzten die Vereinigten Kleinbasler immer wieder markante Akzente im gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt. Am deutlichsten kam diese Verbundenheit mit dem Gemeinwesen zum Ausdruck, als die älteste Basler Fasnachtsgesellschaft im Jahr 1984 ihr Centennarium in und mit aller Öffentlichkeit feierte. Einem glanzvollen Drummeli-Auftritt aller Sektionen und einer denkwürdigen Fasnacht mit einer Nachbildung des Originalzugs aus dem Gründungsjahr folgte Ende August ein grosses dreitägiges Volksfest auf der Rosental-Anlage mit einem samstäglichen Umzug durch die Innerstadt und ein zweimal ausverkauftes Jubiläums-Konzert der Superlative im Grossen Festsaal der Messe Basel.

Fasnachtsstützen. In den letzten 25 Jahren ihrer Geschichte waren die «Vereinigten Kleinbasler» der qualitativ hochstehenden Cliquenfasnacht weiterhin eine verlässliche Stütze. Sujets wie «Bettigerchilbi» (1987) mit einem Variété und Tingeltangel samt fahrender Bühne zur Stadtbelebung, «Christo-Bâle» (1996), als das ganze Spiel in Bauplanen des Botta-Neubaus eingepackt war, oder «Last Minute» (1998), als die VKB-ler den Montags-Cortège einzeln in anderen Cliquen absolvierten, sind im kollektiven Fasnachtsgedächtnis der Stadt haften geblieben; ebenso viele Drummeli-Auftritte wie der legendäre «Rossignol» mit den gleichnamigen Ski, der wegen Schleichwerbung mit Subventionskürzung bestraft wurde.

Zeitgeist. Allerdings machte der Zeitgeist und damit die Feminisierung der Fasnacht auch vor Basels ältester Männerclique nicht halt. Nachdem die Junge Garde mangels männlichem Pfeifernachwuchs in ihrer Existenz gefährdet war, diskutierte die Clique ab 1995 über die Öffnung für das weibliche Geschlecht. In diesen Plänen sahen traditionsverhaftete Mitglieder Verrat an der Maxime, welche die VKB noch 1984 durch die Stadt getragen hatte: «Mir schwööre, alles ischt uns liiber als in unserer Clique Wyyber!» Die Schwurfinger, die der damalige Laternenmaler Dominik Heitz diesem Slogan unterlegt hatte, bilden nun das Signet der «Fasnachtsgesellschaft 1884», in der sich nach dem definitiven Entscheid für die Öffnung im Jahr 2005 einige Enttäuschten selbstständig gemacht haben.

Wieder erstarkt. Die Muttergesellschaft ist aus dieser Turbulenz unbeschadet hervorgegangen, wie sie schon der gleichzeitige Verkehrsunfalltod ihres damaligen Ehrenpräsidenten Pierre Farine und Präsidenten Christian Bolliger 1990 oder den tödlichen Unfall ihres Junggardisten Laurenz Degen am Fasnachtsmittwoch des Jahres 2007 nicht geschwächt, sondern nur noch enger zusammengeschweisst hat. So problemlos, eng und herzlich wie im Jubiläumsjahr, geben die heutigen Funktionsträger um Präsident Robert Cahenzli und Jubel-OK-Präsident Andreas Kurz zu Protokoll, seien die Beziehungen zwischen den Sektionen noch nie gewesen. So feiern die Vereinigten Kleinbasler ihr 125-Jahr-Jubiläum in blendender Verfassung und als grosse Familie mit einem Reigen von Anlässen, vergleichbar dem Multipack von 1984. Härzlige Glüggwunsch!