Basler Zeitung vom 30. Oktober 2009
Hier spricht Heiner Gautschy in New York
«Sind Sie nicht.....?» Diese Frage wird Radiojournalisten an der Globus-Kasse oder beim Zahlen im «Braunen Mutz» heutzutage nicht mehr gestellt. Zu gross ist die Zahl der Sender, zu klein deren Publika, zu gering das Interesse für das Wort, zu bescheiden der Promifaktor der Macher, als dass Radioleute allein am Klang ihrer Stimme erkannt würden. Anders in der Hochblüte des Mediums, bevor die Television das Fernsehen zu konkurrenzieren begann. Damals konnten «die vom Radio» im öffentlichen Raum kaum den Mund aufmachen, ohne dass aus jemand Gewissheit wollte: «Sie sind doch...?».
Heiner Gautschy hörte solche Fragen nicht so häufig wie Helli Stehle, Hans Hausmann, Ruedi Palm, Peter Wyss und andere seiner damaligen Kolleginnen und Kollegen von Radio Basel. Nicht, weil er weniger bekannt gewesen wäre, sondern weil er in den Zeiten seiner grössten Popularität nicht in der Schweiz und damit fern von seinen Hörerinnen und Hörern lebte. Von 1949 bis 1967 arbeitete der promovierte Historiker als USA-Korrespondent für das Studio Basel des damaligen Radio Beromünster. Sein Markenzeichen war die Einleitung «Hier spricht Heiner Gautschy in New York», der Höhepunkt seiner Radiokarriere die Berichterstattung über die Schüsse auf Präsident John F. Kennedy in Dallas, die darauffolgende Ermordung des Attentäters und die Trauerfeierlichkeiten in Washington im November 1963. Gautschys Berichte prägten das Amerikabild der Schweizer Öffentlichkeit; er hielt aber seinen Horizont mit ausgedehnten Reportagereisen durch Kuba, China, die Sowjetunion und an andere Brennpunkt des Weltgeschehens offen. Erst 1967 folgte er einem Ruf des Schweizer Fernsehens und kehrte in die Heimat zurück.
Bei seinem Debut als Moderator der «Rundschau» erinnerten sich einige ältere Basler Zuschauer nicht nur an Gautschys «Beromünster»-Stimme, sondern auch an sein Gesicht. Der Allrounder, der nach dem Studium an der Universität Basel auch Fotoreportagen realisiert und Presseartikel geschrieben hatte, war nämlich im April 1952 bereits einmal am Bildschirm zu sehen gewesen. Im Auftrag der Radio- und Fernsehgenossenschaft Basel produzierte Gautschy in den damaligen BBC-Hallen das erste Deutschschweizer TV-Programm, das mangels Heimgeräten nur auf 33 Bildschirmen in der Mustermesse und in eigens eingerichteten «öffentlichen Fernsehstuben» gesehen werden konnte. Die Überführung dieses Provisoriums in einen definitiven Sendebetrieb verhinderte schliesslich ein Studentenkomitee mit dem späteren GGK-Gründer Markus Kutter und dem nachmaligen Ciba-Manager Walter Strasser. Es strengte eine Referendumsabstimmung gegen den geplanten Beitrag des Kantons Basel-Stadt an und gewann. Daraufhin ging das Fernsehen nach Zürich, und Heiner Gautschy kehrte zurück nach New York.
Wie schon beim Radio erhielt der Vollblut-Journalist nach seiner Rückkehr 1967 auch beim Fernsehen die Chance, das noch junge Medium mitzuformen. Im Team mit Hans O. Staub, der mit seiner Frankreichberichterstattung das Beromünster-Flaggschiff «Echo der Zeit» ähnlich geprägt hatte wie der Kollege aus New York, der ehemaligen Spanien-Korrespondentin Annemarie Schwyter und dem jungen Erich Gysling kreierte er das Wochenmagazin «Die Rundschau», das sich dank regelmässiger Aktualisierung bis heute im Programm gehalten hat. Weniger glücklich agierte der selbstbewusste Einzelkämpfer in weiteren Formaten, für die er sich vom Fernsehen seiner langjährigen Wahlheimat hatte inspirieren lassen. Im technisch aufwändigen «Link» interviewte Gautschy aus dem TV-Studio über eine Richtstrahlverbindung Prominente in deren Haus, aber die virtuelle «Home Story» litt unter der unnatürlichen Distanz zwischen Interviewer und Gast. Und in der Talk-Show «Unter uns gesagt» gelang es dem geborenen Kommentator nicht immer, die eigene Person und Meinung denen seiner Gegenüber unterzuordnen. Mit dem missglückten Streitgespräch gegen den damaligen «Blick»-Chefredaktor Peter Übersax von 1984 hat Gautschy Fernsehgeschichte geschrieben. Der Mann, der publizistische Qualitätsmassstäbe gesetzt hatte, verlor vor den Augen der Nation erst die Contenance, dann die Sendung und schliesslich die Unterstützung seiner Arbeitsgeberin.
Nach seiner unfreiwilligen Pensionierung lebte der Basler mit der markanten Stimme und dem bis zuletzt unverfälschten Dialekt in Zürich. Die Frage «Sagen Sie, Sie sind doch ...» hörte er trotzdem nicht häufiger als zu seiner New Yorker Zeit. Man sah ja jetzt, dass er es war, und liess es, wie in der Schweiz üblich, bei respektvollen Blicken und Tuscheln hinter seinem Rücken bewenden. Das hat er als verdiente Anerkennung seines Lebenswerks bis zuletzt als selbstverständlich hingenommen. Heiner Gautschy ist am 28. Oktober 2009 im Alter von 91 Jahren gestorben.
