Basler Beizen im Untergrund
Beitrag für "Basel geht aus"
Ausgang in den Untergrund
Die Kellerlokale der Basler Fasnachtscliquen machen den Wirten Konkurrenz
Eine Alternative zum konventionellen Ausgeherlebnis bilden in Basel die unzähligen pittoresken Kellerlokale der Fasnachtscliquen. Sie haben von Gesetzes wegen den Status von „Vereinswirtschaften" und sind nicht nur während der „scheenschte drey Dääg" beliebte Austragungsorte von geselligen Anlässen aller Art. Die konventionelle Gastronomie ist „not amused" über die Mitbewerber im Graubereich.
Der Vater einer baslerischen Gastronomie-Exklusivität ist der Krieg. Genauer: Der Kalte Krieg, jene Epoche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als sich die Welt in zwei nuklearwaffenstarrenden Blöcken belauerte und in der neutralen Schweiz Armee und Bevölkerungsschutz zur Hochform aufliefen. Der „Zivilschutz", wie letzterer damals noch hiess, setzte durch, dass in jedem öffentlichen und privaten Gebäude obligatorisch ein Schutzraum eingerichtet werden musste. Das bombensichere Gemäuer aus Beton und Stahl sollte das Überleben der Bewohner im stündlich erwarteten Fall des ausbrechenden Atomkriegs sichern. Da dieser jedoch entgegen aller militärischen Planung einfach nicht eintreten wollte, begannen sich geschäftstüchtige Hausbesitzern Gedanken über eine sinnvolle „Zwischennutzung" der Kubikmeter zu machen, die da in ihrem Untergeschoss sinn- und ertragslos brachlagen.
Dicke Luft zwischen Gastronomie und Fasnacht
Diese Überlegungen fielen zusammen mit dem Systemwandel in der Gastronomie, der die Basler Fasnachts-Cliquen aus ihren angestammten Hauptquartieren in den Restaurants der Innenstadt vertrieb. Der „Baslerstab" der „Schnurebegge" und des „Central Club" wurde über Nacht ein „Mövenpick"; der „Merkur" der „Alte Stainlemer" ein Fast Food-Lokal, die „Schuhmachern-Zunft" der „Märtplatz-Clique" eine Tapas-Bar und so weiter. Die neuen Betreiber fanden in ihren standardisierten Konzepten keinen Platz mehr für die Übungssäli, Glyggeschtübli, Sitzungszimmer und Plakettenkästen der Fasnachtsvereine. Und sie zeigten auch wenig Interesse am überschaubaren Umsatz, den die Mitglieder unter dem Jahr nach ihren wöchentlichen Trommel- und Pfeiferstunden an den Stammtischen machten. Und auch während den „scheenschte drey Dääg", wo gewisse City-Lokale gerüchteweise einen Drittel ihres Jahresumsatzes erwirtschaften, gab es zahlungskräftigere Gäste als die Bier und „Kaffee fertig" trinkenden Fasnächtler. So entfremdeten sich die Beizen- und die Fasnachtsszene zusehends, wie es die legendäre Schnitzelbängglerin „Zyttigsanni" in den 1970-er Jahren auf den Punkt brachte:
„Y ha gmeint, es wurd mr glinge
my Bangg im Mövepick go z'singe
Doch seit ein mit ere Zircher Schnööre:
„'s isch Fasnacht daa! Sy tüent nu schtööre!"
Die Fasnacht geht in den Untergrund
Auf der Suche nach Ersatz erinnerten sich die Vorstände an die traditionsreiche „Alte Richtig", die neben ihrem gesellschaftlichen Treffpunkt im Rest. „Kunsthalle" bereits seit 1931 im Keller eines Privathauses an der Bäumleingasse eine Dépendance für Cliquenaktivitäten aller Art führte. Auf der Suche nach unterirdischen Alternativen für die verloren gegangenen „Beizen"-Paradiese wurden sie bei den bereits erwähnten Immobilienbesitzern fündig. In den grossen privaten Renditebauten des Stadtzentrums und in vielen Gebäuden der öffentlichen Hand warteten unzählige Luftschutzkeller nur darauf, auch grösseren Cliquen mit über 100 Aktiv- und Passivmitglieder eine neue Heimat zu bieten. Aber auch kleineren Gruppierungen bis hin zum „Schyssdräggziigli" taten sich im unterirdischen Liegenschaftsmarkt neue Möglichkeiten auf, dem frostig gewordenen Beizenklima zu entrinnen.
Betonhöhlen werden zu Bijoux
Immer mehr Fasnachtsgesellschaften begannen also ihr Vereinsleben in den Untergrund zu verlegen. Zuerst schlossen sie langjährige Mietverträge ab, mit der behördlichen Auflage, im Ernstfall die Keller innert weniger Tage wieder der ursprünglichen zivilschützerischen Zweckbestimmung zuzuführen. Dann bauten die handwerklich Begabten die unwirtlichen Betonbunker in wochenlanger Fronarbeit aus, installierten Buffets und sanitäre Installationen, dekorierten mit Laternenbildern und anderer Fasnachtskunst - in der Regel so aufwändig und solid, dass für die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands Wochen, wenn nicht Monate nötig wären. Schliesslich sorgten die Beamten der Fasnachtsstadt (von denen es in jeder Clique genügend gibt) für die Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen. Insbesondere sorgten sie dafür, dass die neuen Nutzer ihre Miete und weitere Unkosten auch über den Verkauf von Speisen und Getränken bestreiten konnten. Im Gastgewerbegesetz wurden die Cliquenkeller den so genannten „Vereins- und Gelegenheitswirtschaften" gleichgestellt und durften damit während eingeschränkter Öffnungszeiten ihre Aktiv- und Passivmitglieder bewirten.
Fasnächtler als Paragastronomen
Diese einengenden Bestimmungen wurden von der neuen Paragastronomie im baslerischen Untergrund rasch zunehmend grosszügig ausgelegt. Immer häufiger fanden Geschäftsapéros, Geburtstagsessen, Hochzeitsbankette und Jubiläumsfeiern nicht im „Schützenhaus", der „Safranzunft", im „Braunen Mutz" oder dem „Café Spitz" statt, sondern im kostengünstigeren und zwangsloseren Rahmen des „Stainlemer-", des „Barbaren-" oder des „Aagfrässene-" Kellers. Und immer seltener gehörten die Teilnehmer dieser unterirdischen Verlustierungen zum gesetzlich vorgeschriebenen Kreis der Cliquen-Mitglieder. Aus dieser Verlegenheit half den findigen Kellerwirten ein Kniff: Die Schlussrechnung wurde einfach um einen Jahres-Passivbeitrag aufgerundet, womit der Organisator des Events automatisch Mitglied auf Zeit wurde und so dem Buchstaben des Gesetzes Genüge getan war. Diese listige Praxis hat sich bewährt bis auf den heutigen Tag, wo das Angebot aus Fasnachtsküche und -keller unverzichtbarer Bestandteil der Basler „Beizenszene" geworden ist - trotz des periodisch artikulierten Unmuts der Basler Gastronomen, die neben den kulinarischen Verlockungen des Elsass und Baden-Württembergs an einer zweiten Konkurrenzfront kämpfen müssen.
„Bebbi-Gulasch" als Geheimtipp
Dabei sind kulinarische Höchstleistungen selten im Basler Untergrund. Die Lokale der Gastro-Subkultur bezaubern ihre Gäste nicht mit Hauben und Sternen, sondern durch stimmungsvolles Ambiente und originelle Ausstattung. Die Betreiber der Cliquenküchen sind meistens Hobbyköche, die ihre Speisekarte schon wegen der oft behelfsmässigen Infrastruktur oder feuerpolizeilichen Vorschriften auf wenige, einfache und notfalls auch in grösseren Mengen herzustellende „Spezialitäten" beschränken. Umso grösseren Zuspruchs erfreut sich diese bürgerlich-rustikale Küche bei Verwöhnten, die es üblicherweise nicht unter „Le filet de boeuf à la ficelle sur le lit des lentilles accompagné par le confit de carottes savoyardes" machen. Wenn aus speziellem Anlass die Cliquenkeller ohne Einschränkung zugänglich sind (siehe unten), nimmt man den Weg in den „Junteressli"-Keller an der Sperrstrasse wegen der legendären Thon-Brötli und dem „Kir" an der „Sp(j)unteressli-Bar" unter die Füsse. In den „Breo"-Keller steigt halb Basel extra für die selbstgemachte Kürbissuppe mit Speckbrot. Und das legendäre „Bebbi-Gulasch" - halbierte „Klöpfer"-Scheiben (Cervelats) an einer Paprikasauce mit Kartoffelstock -, wie es die Köche der „Schnurebegge Schlurbbi" im „Pensiönli" manchmal auf den Tisch bringen, ist in kurzer Zeit zum stadtweit gehandelten Geheimtipp geworden.
Die Ausnahme bestätigt die Regel
Die „Schlurbbi" gehören im übrigen zu den wenigen Cliquen, die den Aufstieg aus der Unterwelt ans Tageslicht geschafft haben. Da sie an ihrer Wunschlage keinen leeren Zivilschutzkeller fanden, erwarben sie kurzerhand ein stillgelegtes Grotto an der Rheingasse und bauten es zum Larvenatelier mit angeschlossenem Restaurationsbetrieb auf Strassenniveau aus. Und noch höher hinaus streben die „Spezi"-Clique und die „Muggedätscher": Sie haben ihr fasnächtlich-kulturelles Hauptquartier in den Obergeschossen der historischen Stadttore zu St. Alban und St. Johann aufgeschlagen haben.
Ob in luftiger Höhe oder im tiefen Keller: Zufällig vorbeischauen funktioniert bei den Beizen dieser speziellen Kategorie nicht. Wer nicht Mitglied ist oder nicht zu einer geschlossenen Gesellschaft gehört, muss seinen Ausgang in den Untergrund präzis timen. Im Jahr 2007 zum Beispiel auf den „Vogel Gryff" (Samstag, 27. Januar; nur im Kleinbasel); die Basler Fasnacht (26. - 28. Februar); „Em Bebbi sy Jazz" (Freitag, 17. August); den Kleinbasler (Samstag, 3. November ) oder Grossbasler „Källerabschtiig", alternierend „Innenstadt" und „Aussenquartiere" (Samstag, 24. November).
Vaut la déscente!
